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DER ATEM DES TODES
Der Aufstand im Warschauer Ghetto und seine Niederschlagung durch den SS-General Jürgen Josef Stroop. Eine filmische Reise in die Psychologie der Gewalt, des Terrors und des Genozids.
Dokumentarfilm / GER-USA-POL 2018 / 90:00 Min.

Als Deutschland im Jahr 1939 Polen zerschlagen hat, wird ein junger Pole Zeuge eines Vorfalls, der sein künftiges Leben prägen soll. Betrunkene deutsche Soldaten hieven im besetzten Warschau einen alten, langbärtigen Juden auf ein Gurkenfass, um ihn zu vor einer Schar zusammengelaufener Schaulustiger zu demütigen. Unter johlendem Beifall der Umstehenden wird der alte Mann von den Soldaten beschimpft, bespuckt und geschlagen. Einer von ihnen nimmt ein Messer und säbelt dem Mann den Bart ab, den er anschließend wie einen Skalp in die Höhe hält. Niemals in seinem Leben werde er sich auf ein Fass stellen und so behandeln lassen, schwört sich der junge Pole und ahnt dabei nicht, dass sein Vorsatz schon sehr bald auf den Prüfstand kommen wird. Der Name des Polen war Marek Edelmann. Er ging als Kommandant der Kämpfer des Warschauer Ghettos in die Geschichtsbücher ein.

65 Jahre später traf ich ihn in Lodz, wohin er nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen war und trotz des Ruhms und der Aufmerksamkeit, die er nach dem Krieg erfahren hatte, ein bescheidenes Leben führte. Wie denken Sie heute über Deutschland und die Deutschen, war eine meiner Fragen, die er unerwartet und unkonventionell beantwortete: Die Deutschen sind ein großes Volk, sie waren mutig und haben gut gekämpft. Ich habe damals ein paar von ihnen erschossen und bin mit ihnen quitt. Deutschland hat sich normalisiert und mein Verhältnis zu den Deutschen ist heute im Allgemeinen gut.

Kein Wunder, dass ihn die polnische Nachkriegsregierung für „verrückt“ erklärte und davon Abstand nahm, ihn politisch instrumentalisieren zu wollen. Marek Edelmann hatte den „Atem des Todes gespürt“, er war kein Angepasster, kein Opportunist, er ließ sich von niemandem und für nichts einspannen. Das machte ihn zu einem unberechenbaren Individualisten, den man besser in Ruhe ließ. Als die Deutschen aus Polen vertrieben waren und auch in Warschau langsam wieder Normalität und Zivilleben einkehrten, studierte Marek Edelmann Medizin und wurde Kardiologe. Er war derjenige, der als erster eine Operationsmethode entwickelte, die es ermöglichte, Herzinfarktpatienten erfolgreich zu operieren. Nur gelegentlich sprach er noch über die Kämpfe im Ghetto, gab selten Interviews und scheute den Rummel, der um seine Person gemacht wurde, wenn ihn Staatschefs oder der Papst einluden, wenn ihm wieder einmal ein hoher Orden oder sonst irgendeine Auszeichnung für seine Verdienste angetragen wurde.

Marek Edelmann war mir vor unserem Treffen in Lodz als Autor von „Das Ghetto kämpft“ bekannt, eines umfassenden Berichts über die Ereignisse im und um das Warschauer Ghetto, den er gleich nach dem Krieg aufgeschrieben hatte. Darin ist auch der Vorfall mit dem Gurkenfass beschrieben. Er war jedoch nur ein Vorspiel für die unvorstellbaren Grausamkeiten, mit der Deutsche massenhaft gegen Juden vorgegangen sind. Wie konnte das geschehen? Ist das überhaupt erklärbar? Und: können oder müssen wir das verstehen?

Der Nationalsozialismus wurde schon früh und häufig in Zusammenhang mit Hypnose gebracht, genauer gesagt: mit Adolf Hitler, der in zahllosen Veröffentlichungen und Variationen als dämonische Figur charakterisiert wird. Eine Figur, die das deutsche Volk hypnotisiert, willenlos gemacht und verführt habe: Hitler war schuld! Doch es gibt keine Dämonen, Hitler war ein Mensch. Daher trägt diese These nicht zur Aufklärung des Nationalsozialismus bei, sondern im Gegenteil. Sie verklärt und dämonisiert die Person Hitlers.

Die Geschichte des Warschauer Ghettoaufstands ist auch die seiner Niederschlagung durch den SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei, Jürgen Josef Stroop aus Detmold. Stroop war keiner der „Großen“, aber er war ein typischer Nazi, einer von vielen, ohne die der Nationalsozialismus nicht funktioniert hätte. Auch oder gerade weil ihn heute kaum jemand kennt, so ist er doch ein beispielhaftes Phänomen. Die nationalsozialistische Maschinerie funktionierte nur, weil sich viele kleine und große Teilchen synchron bewegten. Wer, wenn nicht Stroop oder seinesgleichen, hätte den geplanten Genozid durchführen sollen? Hitler allein wäre dazu kaum in der Lage gewesen. Er brauchte dazu einen verlässlichen Mittelbau, Leute wie Stroop, die Theoretisches ins Praktische verwandeln, die zu Gräueltaten nicht gezwungen werden mussten, sondern sie für rechtens hielten und sie mit Begeisterung verrichteten. Doch wie bringt man tausende Menschen um und empfindet Gutes dabei? Wie funktionieren Terror und Genozid? Haben sie eine gemeinsame Sprache? Wenn ja: wie sprechen sie?

Der Dokumentarfilm DER ATEM DES TODES beschäftigt sich exemplarisch mit der Psychologie eines Täters, seinem Hintergrund, seinem Handeln und seinen Rechtfertigungen. Schockierende Aussagen und verstörende Bilder konfrontieren die Zuschauer mit vermeintlich Unverständlichem, das aber erklärbar ist: Jahrhunderte der Gewalterfahrung, der Befehlsannahme und des Katzbuckelns, des Duckens vor der Obrigkeit prägten die Menschen einer leicht manipulierbaren, psychisch deformierten Gesellschaft, die einen Menschentypus hervorbrachte, der bereit war, ohne zu Zögern gegen alles vorzugehen, was nicht in das Weltbild einer erdichteten Herrenrasse passte. Der Hass auf das als Benachteiligung empfundene Schicksal suchte nach Schuldigen für die persönliche und die kollektive Misere. Er wurde fündig, als der vermeintliche Messias kam und in Worte fasste, was viele dachten. Insofern haben Terror und Genozid eine Sprache und sie kommen hier zu Wort.

Wenn Stroop und seine Gesinnungsgenossen sprechen, dann sprechen Terror und Gewalt. Es sprechen Manifestationen der Ungleichheit in den Lebensverhältnissen von Menschen, gespürtes Elend, das im Sinne von Benachteiligung. Es ist das unabdingbare Elend, das es geben muss, damit Terror und Genozid auf fruchtbaren Boden fallen. Die Sprache, die Handlung, das Elend. Davon erzählen die Ghettokämpfer, davon erzählen Marek Edelmann und Jürgen Josef Stroop in einer filmischen Reise in die Psychologie der Gewalt, des Terrors und des Genozids.

Matthias Aberle

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