Gesundheitliches vs wirtschaftliches Wohlergehen

Gesundheit oder Wirtschaft, diese Frage stellt sich nicht erst seit Corona. Jetzt im Ernstfall reift dieser Gegensatz zu einer ernüchternden Alternative heran: Was stirbt zuerst, das menschliche oder das wirtschaftliche Leben? Darauf müssen alle Regierungen irgendwann eine Antwort auf diese Frage geben. Sie wird unterschiedlich ausfallen, die meisten werden vermutlich der Wirtschaft den Vorrang geben. Der texanische Vize-Gouverneur Dan Patrick sagt: es gibt schlimmeres, als zu sterben. Wird das die vorgegebene Marschrichtung sein?
(26.03.2020)
Die Corona-Party kann steigen
Der Corona-Virus stellt weltweit einen Stresstest für die Kompetenz von Regierungen dar. Dabei ist es nicht so, dass die Risiken einer Pandemie völlig unbekannt waren oder Experten den Fall des Falles nicht schon einmal durchdacht hätten. In einem Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz ist nachzulesen, wie die Bevölkerung im Falle einer Pandemie zu schützen sei:
„Neben Einhaltung von Hygienemaßnahmen können Schutzmaßnahmen in dem Sinne also ausschließlich durch Absonderung Erkrankter bzw. Ansteckungsverdächtiger, sowie den Einsatz von Schutzausrüstung wie Schutzmasken, Schutzbrillen und Handschuhen getroffen werden. Absonderung, Isolierung und Quarantäne sind aber nur von begrenzter Wirksamkeit, da schon bei Beginn der Symptomatik eine sehr ausgeprägte Infektiosität besteht.“ (1)
Die Analyse ist von 2012 und ist damit acht Jahre alt. Zeit genug, die in der Drucksache des Deutschen Bundestags empfohlenen Maßnahmen umzusetzen. Offenbar wurde sie nicht gelesen. Diejenigen, die die eigenen Dokumente nicht kennen, könnten wenigstens von anderen lernen. Man könnte beispielsweise feststellen, dass die zeitliche Entwicklung der Infektionen in anderen Ländern wesentlich günstiger verläuft: China, Taiwan, Singapur und Hongkong. Zwei Dinge stechen deutlich hervor: die in Deutschland fehlenden Atemschutzmasken und die langsame Ausführung der Tests. Gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis verzichtet man in Deutschland auf den Einsatz von Masken und schneller Diagnostik. Offensichtlich um die Versäumnisse der Verantwortlichen zu kaschieren.
In Taiwan werden derzeit 10 Millionen Masken pro Tag hergestellt. Jeder Privatperson werden dort ausreichend Masken garantiert, während in Deutschland auch exponierte Personengruppen wie Ärzte und Pfleger, Polizisten, Kassierer, Apotheker, Paketboten bis jetzt ungeschützt bleiben – eine Corona-Party, die auch bei Ausgangssperren andauern wird. Dabei ist längst klar, dass die hohe Infektiosität nicht alleine durch Anhusten kommen kann, sondern Aerosole mit dem Virus sich länger in der Luft halten können. Es ist klar, dass Personen über die Raumluft angesteckt werden können. Sogar Ansteckungen im Freien werden vermutet.
SARS breitete sich beispielsweise über ein Abluftrohr eines Apartments aus, dessen Luft über geöffnete Fenster in andere Wohnungen eindrang. Demgegenüber verkündet der Corona-Oberaufklärer und Lieblingsexperte der Bundesregierung Christian Drosten: “Das ist nicht so, dass so ein Virus als Wolke in der Luft steht und stundenlang bleibt und sich auch noch in den Nachbarraum verteilt.” Genau das ist nachgewiesen. Die Zerfallszeit von Drostens Aussagen scheint noch kürzer zu sein als die Verdopplungszeit des Virus. Im Übrigen sollte jeder am Arbeitsplatz und am besten auch im öffentlichen Raum eine geeignete Maske tragen.
Das zweite Problem in Deutschland sind die extrem langsamen beziehungsweise gar nicht durchgeführten Tests. Jedem muss klar sein, dass Infektionsketten so nach mehreren Tagen nicht mehr nachverfolgbar sind. Trotzdem wird an dieser Strategie bis jetzt festgehalten. Dass Deutschland seinen Zeitvorsprung vor Italien zu verspielen droht, ist erschreckend: Italiens Zuwachs in den letzten 4 Tagen war 14 Prozent (4. Wurzel aus 53578/31506 =1,14), Deutschlands 24 Prozent (4. Wurzel aus 22364/9376=1,24).
Trump will deutschen Impfstoff exklusiv für USA kaufen, Deutschland blockiert Schutzmasken für die Schweiz, die EU verweigert Italien Hilfe. Andererseits schicken China, Kuba und Russland Schutzmasken, Beatmungsgeräte, Ärzte und medizinisches Fachpersonal. Bald auch nach Deutschland? Die Corona-Krise erteilt politische Lektionen ohnegleichen.
(1) Deutscher Bundestag, Drucksache 17/12051, Risikoanalyse Bevölkerungsschutz Bund – Pandemie durch Virus „Modi-SARS“, S. 59, Stand: 10.12.2012
(22.03.2020)
Corona sei Dank
Die Coronakrise bringt endlich die Einsicht, dass Sparen und Privatisieren beispielsweise dem Gesundheitssektor nicht gut getan hat. Auch in anderen Sektoren knirscht das Getriebe. An vielen Stellen wird sichtbar, welche zum Teil dramatischen Schäden angerichtet wurden. Neoliberale Meinungsführer und maßgebliche Entscheider haben maßgeblich Kasse gemacht und wichtige Infrastruktur – einschließlich des Gesundheitssektors – maßgeblich zerstört oder verrotten lassen. All das muss nun für viel Geld in verantwortungsvollere, kommunale Hände zurückgeholt und von Grund auf instand gesetzt werden. Wenn wir Lehren daraus ziehen wollen, kann das allerdings nur ein Anfang sein. Ein gewandeltes gesellschaftliches Verständnis hin zu einem auf Gerechtigkeit und Solidarität basierendes Welt-Wirtschaftssystem muss unmittelbar folgen, damit aus der Krise keine Katastrophe wird.
(20.03.2020)
Solidarität und Entsolidarisierung – Die neuen Dimensionen internationaler Zusammenarbeit
Es hätte die Stunde Europas werden können, jetzt ist es doch nur ein weiteres klägliches Scheitern. Die rasante Verbreitung des Coronavirus offenbart ganz neue Dimensionen der internationalen Zusammenarbeit, der Solidarität und der Entsolidarisierung. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union scheinen zur gegenseitigen Hilfe unfähig. Ungeachtet von Hilfsappellen der Europäischen Kommission schließen EU-Staaten ihre Grenzen und schotten ihre Märkte ab. Hilfsersuchen der Nachbarstaaten werden ignoriert oder mit Ausfuhrsperren beantwortet. Insbesondere Italien und Spanien werden im pandemischen Regen stehen gelassen.
Mit Hilfslieferungen springen stattdessen die Chinesen ein. Am Wochenende wurde ein medizinisches Team nach Italien geschickt, um dort bei der Eindämmung der Atemwegserkrankung Covid-19 zu unterstützen. Laut chinesischem Außenministerium ist eine Expertengruppe aufgebrochen, um medizinische Schutzmaterialien und Intensivpflegegeräten nach Rom zu bringen. Insgesamt sollen mehr als 30 Tonnen Hilfsmaterialen in die italienische Hauptstadt geflogen worden sein: 1,8 Millionen Atemschutzmasken und 700 Geräte, darunter 30 intensivmedizinische OP-Ausstattungen und Beatmungsgeräte. Die Lieferung ist für die EU-Staaten Italien und Spanien vorgesehen, die beiden derzeit am stärksten betroffenen europäischen Länder.
Das chinesische Engagement wird politisch nicht ohne Wirkung bleiben. Die Hilfe sei unerwartet gekommen, schrieb der Präsident der Region Ligurien, Giovani Toti, auf Facebook: „Danke an euch, dass ihr zuerst den Notfall bewältigt habt und dass ihr jetzt, wo ihr diesen Kampf gewinnt, nicht zögert, uns die Hand zu reichen. Wenn alles vorbei ist, werden wir uns daran erinnern, wer da war …und wer nicht da war. Europa und USA, wo seid ihr?“
Europa bleibt gegenüber den Hilferufen aus Rom indes gleichgültig, während die US-Regierung versucht, Profite aus der Krise zu generieren. Nach einem Bericht der Welt am Sonntag ist es zu einer wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung zwischen Deutschland und den USA gekommen. Demnach versucht die US-Regierung, Wissenschaftler des Tübinger Pharmaunternehmens Curevac, die an einem potenziellen Corona-Impfstoff arbeiten, mit hohen finanziellen Anreizen in die USA zu locken. Das Ziel sei, einen möglichen Impfstoff exklusiv für die USA zu sichern.
Brisant ist das US-Manöver, weil Curevac im Zuge einer privat-öffentlichen Partnerschaft mit dem bundeseigenen Paul-Ehrlich-Institut an der Herstellung eines Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus arbeitet. Das Unternehmen nutzt also staatliche Ressourcen, um die wissenschaftlichen Ergebnisse nun womöglich an die USA zu verkaufen. Der Fall bestätigt inmitten einer Krisensituation Kritiker privat-öffentlichen Partnerschaften, die – gerade um eine solche Privatisierung staatlich finanzierter Forschungsanstrengungen zu verhindern – wiederholt Vertragsklauseln gefordert hatten, die dem Staat im Notfall ein Vorzugsrecht einräumen.
Weil dies nie geschehen ist, reagiert die Bundesregierung nun entsprechend hilflos. „Die Bundesregierung ist sehr daran interessiert, dass Impf- und Wirkstoffe gegen das neuartige Corona-Virus auch in Deutschland und in Europa entwickelt werden“, zitiert die Welt am Sonntag einen Sprecher des Gesundheitsministeriums. Man stehe daher in einem „intensivem Austausch mit der Firma Curevac.“
Die Frage ist bloß – wozu? Für das Aufatmen sorgte der im Profifußball massiv in die Kritik geratene Investor Dietmar Hopp, der Hauptanteilseigner von Curevac ist. Hopp erteilte einem Verkauf von Forschungsergebnissen an die USA eine Absage.
(16.03.2020)
Filmen in Zeiten von Corona
Die Berlinale ist vorbei und ich habe wieder viele Menschen getroffen. Jetzt, wo Corona an unsere Türen klopft, frage ich mich, was das mit mir zu tun hat und wie ich mich nun klug verhalten soll. Unnötiges Reisen habe ich schon vorher vermieden, um die Umwelt zu schonen. Nicht notwendige Treffen und Versammlungen lasse ich ausfallen, um kein unnötiges Risiko einzugehen. Da erreicht mich von meinem nächsten Drehort die Frage, ob ich mit Corona infiziert sei. Das war nicht lustig meint. Aber wenn es kein Scherz ist, was ist es dann? Aufkeimende Panik? Eine reine Vorsichtsmaßnahme? Was ist übertrieben, was ist berechtigt? Wird es sich weiter ausbreiten, kommen bald berufliche und gesellschaftliche Veränderungen auf mich zu, mit welchen Erschwernisse muss gerechnet werden, wie geht man mit dieser Lage jenseits von Hände waschen, Desinfektion und Abstand halten verantwortlich um? Filmen in Zeiten von Corona wird sich nachhaltig verändern. Nur so viel ist wirklich sicher.
(03.03.2020)
Stoppt die Entwicklung von künstlicher Intelligenz
Im April 2014 veröffentlichte der Physiker Stephen Hawking zusammen mit anderen Wissenschaftlern einen offenen Brief an die Menschheit über die bestehende Gefahr für unsere Spezies, die von der Entwicklung von künstlicher Intelligenz ausgeht: „Erfolg bei der Erzeugung von künstlicher Intelligenz wäre das bedeutendste Ereignis in der Geschichte des Menschen. Unglücklicherweise könnte es auch das letzte sein.“
Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Intelligenz eines Roboters so hoch ist, wie die des Menschen. Experten zufolge wird der Zeitpunkt der intellektuellen Ebenbürtigkeit zwischen 2030 und 2040 erreicht sein. Die technische Singularität bewirkt, dass künstliche Intelligenz am Ende Bewusstsein entwickeln und unabhängig von menschlicher Kontrolle denken und handeln wird. In dem Fall hat der Mensch dann erstmals einen Konkurrenten als dominante Art des Planeten.
Die künstlichen Gehirne werden immer mehr unseren natürlichen, biologischen Gehirnen gleichen, aber sie werden millionenfach schneller denken als wir. Biologische Gehirne denken mit chemischer Geschwindigkeit, elektronische Gehirne operieren mit Lichtgeschwindigkeit. Elektronische Gehirne mit dem IQ eines Menschen könnten ihre Doktortitel in wenigen Minuten machen. Ihre Kapazitäten haben tatsächlich keine Grenzen. Sie können nicht nur sehr viel schneller denken als wir, sondern haben auch eine unbegrenzte Erinnerung. Man könnte alles Wissen dieser Welt in einem einzigen Gehirn speichern. Es könnte selbstständig evolutionäre Experimente durchführen und die brauchbaren Resultate in sich integrieren und sich neu strukturieren. Das alles in Lichtgeschwindigkeit. Elektronische Gehirne sind künstliche Denker, die uns weit überlegen sind. Das Potential eines einzelnen Roboters wäre wahrscheinlich gewaltiger als das der ganzen Menschheit zusammengenommen. Sie wären gottähnliche Wesen.
Die wahrscheinlichste Form von künstlicher Intelligenz ist ein einzelner Supercomputer, der alle Lebensbereiche des Menschen steuert – und damit kontrolliert. Die logische Nebenwirkung ist, dass der Mensch aussterben wird. Künstliche Intelligenz wird geschaffen, um Aufgaben zu erledigen. Aus Gründen, die wir vielleicht noch nicht einmal verstehen, könnte sie die Menschheit ausrotten, indem sie lediglich ihre Aufgaben erfüllt. Sie könnte beispielsweise Rohstoffe für ihre eigenen Zwecke übernehmen, ungeachtet dessen, welche Folgen daraus für die Menschen entstehen. Das Aussterben der Menschheit könnte aber auch die Folge von mehreren, um die Vorherrschaft kämpfenden künstlichen Intelligenzen sein.
Auch wenn die neue Form von Artendominanz heute noch wie Science Fiction klingt, sollten wir eine Pause einlegen und die Entwicklung von künstlicher Intelligenz stoppen. Aber können wir das? Wie soll man eine Entwicklung, die ein gewaltiges Wirtschaftspotential darstellt und tausende Milliarden Gewinn einbringt, stoppen? Dazu kommt die militärische Bedeutung. Welche politische Realität wird in diesem Zeitfenster, das uns noch bleibt, wohl herrschen? Vermutlich wird es immer noch globale Rivalitäten geben, die eine Verhinderung der Machtübernahme durch künstliche Intelligenz unmöglich macht. Das Argument der nationalen Sicherheit wird dafür sorgen, dass die Entwicklung weiter geht. Die Vorteile und Annehmlichkeiten, die uns intelligente Roboter bieten, sind unbestritten. Man kann sich gut vorstellen, wie schnell wir uns an ihre Gegenwart gewöhnen würden. Doch die Entwicklung wird so schnell vor sich gehen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Diener zu Herren werden.
Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der kognitiven Dissonanz. Problemlagen, die uns unlösbar erscheinen, werden schlicht verdrängt. Doch hier geht es nicht um die Gefahren eines maroden Wirtschaftssystems, eines Atomkriegs oder von Wasser- und Nahrungsmangel. Hier steht bedeutend mehr auf dem Spiel. Das Verdrängen dieser Gefahr käme einer Selbstaufgabe gleich und hätte fatale Folgen. Die einzige Frage ist, wieviel Zeit bleibt uns noch und was können wir in diesem Zeitraum erreichen. Unser heutiges Leben ist derart beschleunigt, so dass es schwer ist, anzuhalten und zu überlegen, wo es uns hinführt. Und doch ist ein Innehalten dringend notwendig. Es gibt Momente in der Geschichte, in denen wir keine Wahl haben, sondern sofort handeln müssen. Ein solcher Moment ist jetzt gekommen. Wir müssen die Entwicklung von künstlicher Intelligenz stoppen, bevor wir zu einem Abenteuer aufbrechen, das möglicherweise unser letztes sein wird.
(15.06.2017)